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11.09. - 16.10.11
Renate Bethmann
„schichten“
Göttinger Tageblatt vom 10.09.11:
Begegnungen und Kämpfe, die jeder kennt
„schichten“: Arbeiten der Göttinger Künstlerin Renate Bethmann im Künstlerhaus
Von Telse Wenzel
Elf kleinformatige Bilder hängen in einer Reihe nebeneinander, sie alle zeigen ein Motiv in unterschiedlichen Variationen: Ein Mann hat sich abgewandt und bewegt sich von der Person diesseits der Bildgrenze fort. 51 Werke Collagen, Zeichnungen und Installationen versuchen, diesen Menschen zu halten und eine Verbindung mit ihm herzustellen. Wer ist diese Gestalt? Für Renate Bethmann ist es ihr an Demenz erkrankter Vater. Für den Nächsten ist es wieder eine ganz andere Person. Die Werke erzählen von Begegnungen und Kämpfen, die jeder kennt.
Manche der zwischen 2007 und 2011 entstandenen Exponate, die derzeit die Obere Galerie des Künstlerhauses füllen, hat Bethmann schon auf früheren Ausstellungen gezeigt. Nicht zum ersten Mal begegnet die 1964 geborene Künstlerin, 2006 mit dem Kulturpreis des Landkreises Göttingen ausgezeichnet, mit ihren Werken der Erkrankung des Vaters. Doch diese beginnen dort, wo es über das Thema der Demenz hinausgeht. Bei der eigenen Biographie stehen bleiben, das wollte Bethmann nicht.
DieCollagen sindmenschengroß. Sie sind zusammengesetzt aus Papierstreifen und -fetzen, die Nichtfarben Schwarz und Weiß begegnen oft. Gemalte Partien lassen flüchtig einen Körper erkennen, aber die Farben sind kühl und scheinen den, der um Nähe bemüht ist, zurückzuweisen. Zwischen abgerissenem Papier ist es in einer der Collagen gerade der ausgesparte Raum, dessenUmriss die Kontur eines Menschen beschreibt. Und dennoch: Landkarten- Ausschnitte und Schnipsel von Fotografien sind innerhalb dieser Werke als Puzzleteile angebracht, als versuche jemand zu verhindern, dass ihm die Person verlorengehe. Ein Ortsname ist zu lesen. Die Handschrift bleibt erhalten und vielleicht, weil sie immer Ausdruck von Individualität und Spiegel der Persönlichkeit ist, hängt die Künstlerin die Schriftzüge auf mehreren Folien vergrößert in den Raum.

Ohne Titel: Skulptur aus Polyester, Acryl und Holz (2011) aus der Ausstellung „schichten“ von Renate Bethmann. Heller
schichten nennt Bethmann ihre Ausstellung. Das meint einerseits: Geschichten lösen sich auf, Lebensstationen verschwinden. DerVerfallsprozess kann nicht verhindert werden, das gilt nicht nur für den Verlauf der Demenz, sondern ist dem Leben selbst eingeschrieben. Und doch ist gleichzeitig in dem kleinen Wort schichten festgehalten, dass es jemanden gibt, der die Begegnungen undErfahrungen gerade nicht dem Verschwinden preisgeben will. Der aufschichtet, zusammenträgt, Leben und Erinnerung konservieren will.
Und auch wenn sich die andere Person entzieht, wenn sie nicht mehr gebannt werden kann in den Rahmen eines einzigen klar formulierten Porträts: Mit der unermüdlichen Reihung, Einfühlung, den vielen künstlerischen Mitteln, die aufgeboten werden für die Übersetzung und Erhaltung dessen, was fremd zu werden droht mit all dem wird verhindert, dass die Verbindung abreißt.
Ein kleiner Fotoschnipsel, innerhalb einer der großformatigen Collagen beinahe versteckt, zeigt eine Frau, die kopfüber in der Schräge hängt. Es ist vielleicht die Signatur einer Person, die immer wieder auch vergeblich um die Orientierung im anderen ringt. Und es ist ein Detail, das charakteristisch ist für diese Ausstellung, deren Werke bis ins Kleinste hinein sorgsam durchdacht sind und die aus einem beeindruckenden Fundus künstlerischer Ausdrucksmöglichkeiten schöpft.
Sehr viele waren zur Eröffnung am Sonntag gekommen und die regen Gespräche, der lang anhaltende Applaus für die Einführung der Kulturjournalistin Tina Fibiger, die vielen Einträge ins Gästebuch all das zeigt, dass es Bethmann gelungen ist, von etwas zu erzählen, das jeden berührt und beschäftigt. |
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