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06.03. - 03.04.11
Sabine Schmitt
- material talks -
Göttinger Tageblatt vom 10.03.11:
Unter der Oberfläche von Butterbrotpapier
Ausstellung: Künstlerin Sabine Schmitt zeigt „material talks“ im Künstlerhaus Göttingen
Von Tina Lüers
Um sein Pausenbrot trocken,
fettfrei und sauber einzuwickeln,
bietet sich Butterbrotpapier
an. Es ist viel besser als
beispielsweise Zeitung dafür geeignet,
die Tasche vor Fettflecken
und herausrieselnden Krümeln
zu schützen. Wenn die
Göttinger Künstlerin Sabine
Schmitt mit Butterbrotpapier
arbeitet, gerät das Brot allerdings
ohnehin schnell in Vergessenheit.
Sie geht, so der Titel ihrer Ausstellung im Künstlerhaus, ein Gespräch mit dem Material ein, lauscht dessen Raunen, spätestens dann, wenn es zur voluminös barocken Walze aufgebauscht an der Wand hängt. In ihren material talks verdrahtet, legt und klebt sie unter anderem viele Schichten von Papier zusammen und erarbeitet daraus ihre weißen Werke. Geflecht webt Streifen um Streifen über die Leinwand, große, mehrfach gefaltete und locker aufgehängte Bögen zeigen durch Löcher in regelmäßigen Reihen Durchblicke und Verschiebungen. In ihrer hellen, zarten Sprache erweisen sie neben Serialität und Papierfaltkunst sogar weiblich konnotierten Techniken wie der Lochstickerei ihre Referenz.

Zwiegespräch von Material und Form in Weiß: die Kunst von Sabine Schmitt, inszeniert im Künstlerhaus. Heller
Viele Papierarbeiten, denkt
man zum Beispiel an die Papier
collés von Picasso und Braque,
bringen eher Farbfelder denn
ihren Materialcharakter zum
Vorschein. Bei Schmitt, deren
persönlicher Bezug zu Japan
eine große Rolle in ihren Arbeiten
spielt, ist das anders, das Material
steht in seiner zittrigen
Fragilität, die sich hier und da
als erstaunlich haltbar erweist,
im Fokus.
Doch nicht nur in Japan sind
die Wurzeln dieser reduzierten,
minimalinvasiven Papieroperationen
zu suchen. Es geht auch
bewusst um die Reduktion, um
den Verzicht auf Farbe, von einigen
kleinen Kleisterspuren abgesehen.
Die strukturgebende
Radikalität weißer Flächen ist
längst nicht mehr nur übertragener
Ausdruck für Leere, Abwesenheit
und Nichts. Seinen
großen Auftritt hatte die sogenannte
Nicht-Farbe nach Malewitschs
weißem Quadrat auf
weißem Grund von 1918 in den
1960er Jahren bei Manzoni,
Fontana und Ferrari. Ebenfalls
Mitte der 1960er Jahre experimentieren
Richard Serra – an
dessen Kautschukbänder die
„Lagen“ Schmitts in ihrer Form
erinnern – und andere amerikanische
Künstler mit industriellen
Werkstoffen. Die Materialien
wurden wenig bearbeitet in
einen Bezug zum Raum gesetzt.
Industrielle Produkte, oftmals
aus der Verpackungsindustrie,
macht sich auch Schmitt
neben vielen Mischtechniken,
bestehend aus kleineren Leinwänden,
Tape, Gips, Kohle,
Wachs oder Zement, für ihre
Rauminstallationen zunutze.
Eine große Bodenplastik,
„ichi“, schichtet neuwertige
durchsichtige Plastikdeckel versetzt
übereinander, jeder ist mit
einem oder zwei Streifen weißer
Ölfarbe, wie mit demFinger bemalt,
gezeichnet, bezeichnet. Sie
sind jeder für sich eins und fügen
sich im Übereinander zu einer
Anmutung von Schriftzeichen
zusammen. In Trennung
und Zusammenfügung, im
Zwiegespräch von Material und
Form entstehen belebte und
vielfältig interessante Oberflächen.
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